Beiträge

Handys bei Konzerten – ja oder nein?

Die amerikanische Rockband „A Perfect Circle“ hat auf ihrer aktuellen Tour eine ganz eiserne Regel eingeführt: Es ist absolut verboten, während des Konzertes Fotos zu machen und zu filmen. Konzertbesucher, die mit Handy in der Hand erwischt werden, werden rausgeworfen. Dass dies keine leeren Versprechen sind, hat die Band bereits das eine oder andere Mal bewiesen. Manch einen Besucher hat das empört, die meisten scheinen jedoch über den kurze „erzwungenen“ Verzicht auf die Social-Media-Pflicht erleichtert zu sein. Endlich kann man in Ruhe einen Moment genießen.

Desillusioniert?

Die Band hat auf ihrem aktuellen Album eins ihrer Lieder dem Thema gewidmet. In „Disillusioned“ geht es um die Abhängigkeit von sozialen Medien, Geräten und veränderter Wahrnehmung. “Dopamine” singt Sänger Maynard James Keenan immer wieder. Denn bei den Glücksgefühlen, die die Aufmerksamkeit der anderen in den sozialen Medien hervorruft, wird genau das ausgeschüttet. Die Band vergleicht das mit Pavlov‘s Hunden. So wie die Glocke bei Ihnen in Erwartung von Futter (auch wenn es keines gab) Speichelfluss auslöste, wird bei uns Dopamin ausgeschüttet, wenn ein Social Media Messenger auf dem Handy blinkt. Also gilt bei Konzerten: Runter mit den Smartphones, die wir nur zur Hand nehmen, weil wir eigentlich total desillusioniert sind. Stattdessen sollten wir uns aufeinander fokussieren und aufeinander besinnen. Die Ironie wird aufgedeckt, wenn man bedenkt, dass viele gerade das Lied über ihr Handy hören oder sich gegenseitig News über die Band oder diesen Text hier über soziale Netzwerke schicken.

Man vergisst, den Moment zu leben

Es ist aber auch nervig. Man ist bei einem Konzert, das Licht geht aus, die Intro-Musik beginnt, die Stimmung steigt – und das gefühlt komplette Publikum zückt die Handys und streckt sie filmend in die Höhe. Man versucht, den Moment für die Zukunft einzufangen. Den Moment in der Gegenwart – das eigentlich Wichtige – bekommt man aber dabei überhaupt nicht mit.

Viele KonzertbesucherInnen bleiben aber noch beharrlicher und filmen nicht nur ab und zu zwischendurch, sondern manchmal das halbe Konzert mit. Wenn diese Person erstens größer als man selbst ist und man zweitens dementsprechend das Geschehen auf der Bühne nur noch den kleinen Displays vor sich mitverfolgen kann und selbst des Konzerterlebnisses und des Moment-Genießens beraubt wird, kann einem schonmal der Kragen platzen. Am Ende kommt eh ein schlecht gefilmtes Video heraus, auf dem man wenig erkennt und nur Krach hört. Da sollte man sich doch auf das viel „bessere“ Jetzt besinnen, von dem man mehr hat uns aus dem man viel mehr mitnehmen kann.

Darf man filmen?

Auch rechtlich ist das Filmen eine schwierige Sache. Es wird meist auf Tickets und an der Location darauf hingewiesen, dass nicht gefilmt werden soll, doch die wenigsten halten sich daran. Andersherum wird das Ganze viel strikter gehandelt: Wenn die Musiker ihre Konzerte für Live-Übertragungen oder spätere Veröffentlichungen mitfilmen lassen, gibt es vorher eine große Ankündigung für das Publikum und man hat die Möglichkeit, sich dagegen entscheiden und zu gehen oder gar nicht erst auf das Konzert zu gehen. Die Künstler haben diese Freiheit nicht. Im Gegenteil, sie leben davon, dass ihre Musik gekauft und verkauft wird und nicht in schlechter Qualität frei verfügbar gemacht wird.

A Perfect Circle haben es kürzlich bei ihrem Auftritt in Hamburg geschickt gelöst. Beim letzten Lied erklärte Sänger Keenan kurz vor Ende, man dürfe nun bis zum Ende des Konzertes filmen. Kurze irritierte Blicke – und fast alle Anwesenden zückten ihre Handys und filmten die glorreichen letzten anderthalb Minuten. Wie eine Armee, die nur darauf gewartet hatte, einen Befehl entgegen zu nehmen. Was die Band wohl gedacht hat? Wir sind anscheinend nur desillusionierte Marionetten. (PR)